Etwa 100 Kilometer nördlich von Lissabon befindet sich die größte und wichtigste katholische Pilgerstätte Portugals: Fátima. Hier soll am 13. Mai 1917 drei Hirtenkindern auf freiem Feld die Jungfrau Maria erschienen sein. Sie versprach den Kindern, von nun an jeden 13. des Monats wiederzukommen und Wunder zu verkünden. Trotz des vereinbarten Stillschweigens über die Marienerscheinung versammelten sich alle vier Wochen mehr und mehr Menschen neben einer alten Steineiche und warteten auf das Erscheinen der Gottesmutter. Tatsächlich soll es nach zeitgenössischen Berichten bis zum 13. Oktober 1917 immer wieder unerklärliche Phänomene gegeben haben. Wichtiger waren jedoch die drei angeblichen Geheimnisse, welche die Hirtenkinder am 13. Juli 1917 von der Jungfrau Maria erfahren haben wollen. Sie wurden Jahre später von Lúcia, der letzten Überlebenden der drei, aufgeschrieben und auf Geheiß der Kirche als die drei Geheimnisse von Fátima 1942 veröffentlicht. Nur der letzte, dritte Teil der Verkündung, blieb bis zum Jahre 2000 unter Verschluss. In ihm soll das Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 prophezeit worden sein.

Das erste Geheimnis war eine Vision der Hölle, das zweite sagte den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges voraus. Der letzte Teil betraf den Zusammenbruch des Kommunismus:

„Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden, am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“ – so die offizielle Übersetzung des Vatikans.

Unter Katholiken in aller Welt sorgte vor allem der letzte Teil der Weissagung für Aufsehen. Bilder der inzwischen für anbetungswürdig erklärten Madonna von Fátima wurden in den 1970er Jahren durch Ungarn, die Tschechoslowakei und Polen getragen. 1978 fand vor dem Reichstag in Berlin im Schatten der Mauer ein Gottesdienst zu Ehren der Marienerscheinung statt. Dass der Mauerbau ausgerechnet am 13. August 1961 erfolgte, war für andere wiederum ein Zeichen, dass die Gottesmutter Recht behalten würde. Als die Mauer schließlich am 9. November 1989 fiel, sahen viele Gläubige die Weissagung bestätigt. Reste der ehemaligen Grenzanlage fanden als Pilgergeschenke ihren Weg in das portugiesische Heiligtum. Ein erster, in einem Glaskelch versenkter und mit schwarz-rot-goldenem Band versehener Mauerbrocken, wurde noch im Frühjahr 1990 von Teodoro Claudio Spiess, Architekturprofessor an der Technischen Universität Lissabon, dem Heiligtum geschenkt. Heute ist es im Museum des Sanktuariums zu besichtigen. Sechs weitere kleine Mauerbröckchen, die in einen Rosenkranz eingearbeitet wurden, überbrachte im Juli 1990 ein anonymer Pilger. Beigefügt war ein Gebet, in dem für die Gnade der Gottesmutter gedankt wurde. Hinter diesem Geschenk verbarg sich der 1953 in Portugal geborene und 1967 nach Kaiserslautern übergesiedelte Portugiese Casimiro Virgilio Ferreira. Er war es auch, der dafür sorgte, dass ein Mauerteil schließlich seinen Weg nach Fátima fand. Ferreira wandte sich am 26. September 1990 an den letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, und bat diesen um ein Mauersegment. Es sollte als Erinnerung an die Wiedervereinigung Deutschlands in Portugal stehen. Sein Vorhaben wurde vom damaligen portugiesischen Generalkonsul in Frankfurt/Main, Joao Carlos Versteeg, unterstützt. Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und Portugal 1974 arbeitete Versteeg an der Botschaft in Ost-Berlin und kannte die Mauer noch aus eigener Anschauung. Der portugiesische Fremdenverkehrsverein in der Mainmetropole kümmerte sich seinerseits um den Transport des 2,6 Tonnen schweren Geschenks, das schließlich am 4. März 1991 wohlbehalten in Lissabon eintraf. Wenige Wochen später besuchte Papst Johannes Paul II. Fátima und segnete das Mauerteil – eine bislang einmalige Ehre. Zusammen mit der Verwaltung der Pilgerstätte und dem Bistum Leira-Fátima wurde in den nächsten Jahren mit dem Bau eines Denkmals begonnen. Nach Plänen des Architekten José Carlos Loureiro steht das Betonsegment in einem halbrunden, verglasten Schrein, der heute am südlichen Eingang von Fátima zu sehen ist. Daneben hängt eine Tafel mit den Worten „Danke himmlische Hirtin – mit mütterlicher Zärtlichkeit – allen Menschen für die Freiheit“, die Johannes Paul II 1991 in Fátima gesprochen hatte.